Seit dem 6. November 2020 ist der Nutri-Score in Deutschland verfügbar – eine praxisnahe Nährwertkennzeichnung, die Produkte von A bis E bewertet. Als Ernährungsexperten erklären wir die Entstehung, den Algorithmus und die laufenden Debatten.
Trotz anfänglicher Widerstände der damaligen Ernährungsministerin Julia Klöckner (Spiegel) trat die Ernährungsampel Nutri-Score in Kraft. Teile der Lebensmittelindustrie, insbesondere solche mit potenziell schlechten Scores, äußerten Bedenken. Die Wirtschaftliche Vereinigung Zucker nannte es eine „Verbraucherfalle“, während Verbraucherschützer wie Foodwatch die Industrie aufforderten, ihre Kampagne einzustellen.
Der Nutri-Score bewertet Produkte einfach mit den Noten A bis E basierend auf 100 Gramm. A steht für besonders gesund und täglich empfehlenswert, E für seltene Genussmittel.
So entsteht die Bewertung: Der Algorithmus, ursprünglich aus Frankreich (seit 2017) und inspiriert von der britischen Ampel, wurde von Ernährungswissenschaftlern entwickelt.
Die Berechnung des Nutri-Scores im Detail
Inhaltsstoffe werden in positive (gesund) und negative (ungesund) Kategorien unterteilt:
- Positiv (Minuspunkte): Obst, Gemüse, Nüsse, Ballaststoffe und Proteine.
- Negativ (Pluspunkte): Zucker, Salz (Natrium), Kalorien und gesättigte Fettsäuren.
Mengen werden gepunktet: Pluspunkte für Ungezundes, Minuspunkte für Gesundes. Detaillierte Tabellen finden Sie in den Scientific & Technical FAQs von Santé Publique France oder beim BMEL. Getränke werden strenger bewertet.
Endsumme bestimmt die Note für Lebensmittel:
- -15 bis -1: A
- 0 bis 2: B
- 3 bis 10: C
- 11 bis 18: D
- 19+: E
Für Getränke:
- Wasser: A
- -15 bis 1: B
- 2 bis 5: C
- 6 bis 9: D
- 10+: E
Seit 2021 evaluieren unabhängige Experten den Algorithmus. Ab Juli 2022 gelten Anpassungen:
- Stärkere Gewichtung von Zucker und Salz.
- Bessere Differenzierung von Ballaststoffen in Vollkorn vs. Raffiniertem.
- Unterscheidung bei pflanzlichen Ölen nach gesättigten Fetten.
- Strengere Regeln für Fleisch, nuanciertere für Fisch und Milchprodukte.
Erste Studien und Erfahrungen
In Frankreich (seit 2017) belegen Studien hohe Verständlichkeit und positive Effekte:
- 80 % fanden ihn sinnvoll (2017); Einkäufe wurden gesünder.
- Am verständlichsten unter Kennzeichnungen (2019).
- Übersicht beim französischen Gesundheitsministerium.
Kontroverse in Deutschland
Der Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde (BLL) und frühere Minister kritisierten den Nutri-Score. Argumente:
- Zu vereinfachend für komplexe Ernährung.
- Individuelle Bedürfnisse variieren.
- Keine Garantie für ausgewogene Kost.
Dennoch: Klöckner betonte seine Orientierungsfunktion. Verbraucherschützer, Deutsche Adipositas- und Diabetes-Gesellschaft fordern ihn wegen Übergewicht bei Kindern.
Stärken und Schwächen des Nutri-Scores
Er erleichtert die Einschätzung jenseits komplizierter Tabellen. Kritik: Ignoriert Mikronährstoffe, Zusatzstoffe, Transfette. Besser: Explizite Kennzeichnung von Zucker und Transfetten.
Problem: Freiwilligkeit. Nur gesunde Produkte zeigen ihn oft. vzbv fordert breite Nutzung. EU plant ab 2027 Verpflichtung. Hersteller, die ihn für eine Marke wählen, müssen alle Produkte kennzeichnen.
Der Nutri-Score allein löst nicht das Problem günstig ungesunder Lebensmittel. Systemische Änderungen in Landwirtschaft sind nötig, wie Cem Özdemir betont.